Was (übermäßige) Getreidefütterung in deinem Pferd anrichten können

Die Stärkeverdauung des Pferdes

Einer der größten und hartnäckigsten Irrtümer ist, dass Pferde unbedingt Getreide /Müsli/Pellets zugefüttert bekommen müssen. Dieser Aberglaube wird angetrieben durch verschiedene Futtermittelhersteller und Zeitschriften in denen diese werben und somit die entsprechenden Magazine mitfinanzieren. Das Problem dabei: Der Stoffwechsel von Pferden ist nicht darauf ausgelegt hohe Mengen stärkereicher Futtermittel (sogenannte Konzentrate) zu verwerten. Das bedeutet in erster Linie, dass Pferde nur eine sehr geringe Amylaseaktivität und -produktion im Vergleich zu anderen Tierarten besitzen.  Auch die produzierte Menge von Amylase ist ganz individuell, kann nicht an Rasse oder Typ festgemacht werden und hängt u.a. von der Organgesundheit (Pankreas= Bauchspeicheldrüse > Pankreas-Amylase)  ab. Deshalb kann es auch passieren, dass zwei Pferde gleicher Rasse, gleichen Alters, gleicher Haltung,... ganz unterschiedlich auf die selbe Stärkemenge reagieren.

Amylase = Verdauungsenzym zum Abbau von Kohlehydraten (zum Beispiel Stärke)

 

 

 

Grundsätzlich ist das auch ganz logisch, denn wenn man sich die natürliche Nahrung von Pferden anschaut, findet man keine Getreidefelder. Evolutionär bedingt mussten sich Pferde nicht an stärkereiche Futtermittel anpassen.

Wichtig ist auch zu wissen, dass der Aufbau der Stärke entscheidend für dessen Verdaulichkeit ist. Je einfacher die Stärke aufgebaut ist, desto leichter kann sie durch die Amylase aufgespalten werden.

Mal abgesehen von Hafer, dessen Stärke  auch im Rohzustand sehr gut verdaulich ist (ca. 80%-90%) sind zum Beispiel Mais und Gerste im Rohzustand äußerst ungeeignet, denn deren Stärkeverdaulichkeit im Dünndarm liegt nur bei etwa  25-30%. Durch verschiedene Verarbeitungsprozesse kann man die Stärkeverdaulichkeit zwar erhöhen, zerstört aber gegebenenfalls die natürliche Struktur der verschiedenen Inhaltsstoffe (betrifft vor allem das starke Erhitzen > "thermisch aufgeschlossen", "Flocken", "gepoppt") und es gehen wichtige Nährstoffe verloren. Das was dann für´s Pferd übrig bleibt, ist die reine Stärke.

Wenn ein Pferd nun mehr Stärke zugeführt bekommt als es im Dünndarm mit Hilfe der Amylase aufspalten kann, dann gelangt ein Teil davon in den Dickdarm. Im Dickdarm hat Stärke aber nichts verloren. Gelangt Stärke in den Dickdarm kann es zu einer Vermehrung von Pilzen und stärkefermentierenden Bakterien (z.B. Milchsäurebakterien) kommen, welche die Zellulose verdauenden Bakterien verdrängen.  Der pH-Wert im Dickdarm sinkt in den sauren Bereich (Übersäuerung) und es kommt zu einem "Massensterben" der Zellulose verdauenden Bakterien, welche Wiederum Toxine bilden > Auslöser für Koliken und Hufrehe.

In weiterer Folge kommt es dann zu einer schlechteren Verwertung der Strukturkohlehydrate und damit zu einer schlechteren Nährstoffgewinnung. Die Pferde nehmen trotz hoher Heu und Kraftfuttermengen schlecht zu und leiden unter Mangelerscheinungen.

Auch die Art der Kraftfutterfütterung und des Kraftfutters an sich ist entscheidend für die Stärkeverdauung. So ist diese wesentlich besser, wenn die Pferde vor der Kraftfuttergabe Heu bekommen haben (am besten ad libitum). Auch das Verlangsamen der Kraftfutteraufnahme, beispielsweise durch Heuhäcksel, was zu einer deutlich besseren Kauaktivität und Einspeichelung führt, erhöht die Stärkeverdaulichkeit.

 

 

Ein weiteres Problem können die zuvor angesprochenen Pilze sein. Kommt es zu einer Übersäuerung des Dickdarms und damit zu einer Verschiebung der Darmflora können sich nicht nur unerwünschte Bakterien vermehren, sondern auch Pilze (insbesondere Hefepilze). Sie bilden nicht nur Toxine, die den Stoffwechsel stark belasten, sondern auch Fuselalkohole. Deshalb reagieren manche Pferde bereits bei geringen Mengen Kraftfutter hitzig und werden nervös. Im Prinzip sind sie beschwippst. Klingt jetzt erst mal lustig, ist es aber nicht. Denn diese Fuselalkohole belasten stark die Leber und sämtliche andere Entgiftungsorgane. Auch beim Menschen ist dieser Umstand nicht selten. Es stehen zahlen im Raum, wo von 50% Betroffenen die Rede ist. Zu unseren Vierbeinigen Freunden gibt es keine Zahlen, aber man sollte einen Pilzbefall des Darms und die damit verbunden Stoffwechselbelastung immer im Hinterkopf behalten.

Häufige Symptome einer aus dem Gleichgewicht geratenen Darmflora sind Kotwasser, Durchfall, Verstopfungen, Koliken, Gasansammlungen,... es geht aber auch subtiler, was für den Besitzer oft nicht mit dem Darm in Zusammenhang zu stehen scheint: Allergien, erhöhte Leber- und Nierenwerte, Mangelerscheinungen, Stoffwechselstörungen im Allgemeinen, geschwächtes Immunsystem > Infektionsanfälligkeit, Probleme mit dem Fellwechsel,...

Eine Darmflora, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, kann man nicht in ein paar Wochen "sanieren". Je nach Schweregrad dauert dies viele Monate bis Jahre.

 

 

Quellen und Buchempfehlungen:

http://www.wanashelp.at/download/36-39_Futtervortrag-Fritz_KAP.pdf

Hans-Peter Karp "Gesunde Pferdefütterung"

Ingolf Bender, Tina Maria Ritter "Praxishandbuch Pferdegesundheit"

Ingolf Beder, Tina Maria Ritter "Futter-Lexikon Pferde"

Kaja Kreiselmeier "Pferde gesund und vital durch Heilkräuter"

Cornelia Wittek "Von Apfelessig bis Teebaumöl"

Siegrid Hirsch & Felix Grünberger "Die Kräuter in meinem Garten"

Meyer, Coenen, Vervuert "Pferdefütterung" (2014)

Dr. Christina Fritz "Pferde fit füttern"

GfE "Empehlungen zur Energie- und Nährtoffversorgung von Pferden" (2014)